Achtsamkeit & Bildung

Die wahre Entdeckungsreise liegt nicht darin, neue Länder zu erkunden, sondern die Wirklichkeit mit neuen Augen zu sehen.

Marcel Proust

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist die deutsche Übersetzung des zentralen frühbuddhistischen Begriffs „Sati“ (sanskrit: smrti; pali: sati), der auch mit Bewusstsein oder Gewahrsein übersetzt werden kann, Erinnerung oder Nichtvergessen – die englische Übersetzung ist Mindfulness.

Vor allem geht es jedoch um die Praxis der Achtsamkeit. Achtsamkeitspraxis ist ein Weg der direkten Erfahrung, und kann mittels verschiedener Techniken geübt werden. Formal gibt es verschiedene Meditationspraktiken, wie die achtsame Betrachtung des eigenen Atems oder achtsame Bewegungsübungen (z.B. Yoga oder Tai Chi).

Achtsamkeit wird auch als Fähigkeit beschrieben die sich systematisch entwickeln lässt, wobei sie im Grunde bereits als Anlage in jedem Menschen vorhanden ist, und somit eine Art natürliche Kompetenz darstellt. Das Kultivieren von Achtsamkeit wiederum bereitet den Boden für die Entwicklung weiterer hilfreicher Qualitäten (wie Offenheit, freundliches Interesse, Freude, Konzentration, Gelassenheit oder Mitgefühl). Das Ziel von Achtsamkeit ist die geistige Befreiung.

Der Achtsamkeitseffekt…

Achtsamkeit wirkt positiv auf verschiedene Ebenen von Gesundheit, Wohlbefinden und Kognition. Wissenschaftliche Studien der letzten Jahre kamen zu zahlreichen sehr ermutigenden Ergebnissen. So zeigt Achtsamkeit eine gesundheitsfördernde Wirkung auf physiologische Variablen wie Blutdruck, Cortisolspiegel und Immunsystem, verbessert die Aufmerksamkeits- & Selbstregulation, sowie die Stressverarbeitung und führt zu einem gesteigertem Wohlbefinden. Aufgrund dieser Ergebnisse werden Achtsamkeitsprogramme nicht nur im klinischen Bereich, sondern auch im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung angewendet, und seit kurzem auch in der Bildung – denn das Erlernen der Fähigkeit Achtsamkeit gilt als Grundlage für eine umfassende Bildung – und als Mittel einer umfassenden Pädagogik.

Was passiert, wenn wir Achtsamkeit üben?

Schnell ist man aufgrund der positiven Studienlage verleitet anzunehmen, es handele sich hier um eine Maßnahme der Selbstoptimierung. Zu allererst gilt es in der Achtsamkeitspraxis, wach und interessiert zu beobachten, was in uns selbst vor sich geht – ohne einzugreifen. Und so simpel wie es vielleicht klingt: dieser Prozess verlangt viel Akzeptanz und Toleranz, um sich den eigenen Mustern und Impulsen gegenüber erst einmal zu öffnen. Akzeptanz führt sukzessive zu einem „Freundschaft schließen mit sich selbst“. Mithilfe verschiedener Übungen und Techniken vollzieht sich die Annäherung an das Erleben immer mehr mit der Haltung freundlichen Interesses, wach und nicht bewertend (und nicht abwertend).

Die weitere Praxis der Achtsamkeit setzt einen Prozess in Gang, in welchem es zu einem Neu-Wahrnehmen von Eindrücken kommt. Wie in einem persönlichen Forschungsprojekt untersuchen wir eben das, was zutage tritt. Dadurch wird eine Disidentifikation mit den Bewusstseinsinhalten – wie die eigenen Gedanken oder Gefühle – ermöglicht. Die Inhalte des Bewusstseins werden also betrachtet, ohne automatisch und emotional darauf reagieren zu müssen und von diesen Inhalten mitgerissen zu werden. Vielmehr kann die Aufmerksamkeit nun auf dem bewußten Wahrnehmen dieses Prozesses gehalten werden: Gedanken, Gefühle & Körperempfindungen entstehen und vergehen in diesem Bewußtseinsraum und werden so als Phänomene erkannt, mit denen wir uns nicht identifizieren müssen.

Dadurch öffnet sich ein Raum zwischen den Empfindungen und den Reaktionen darauf, und reflexartiges Handeln weicht reflektiertem Bewußtsein, welches weisere und klügere Entscheidungen ermöglicht.

Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum ist unsere Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegt unser Wachstum und unsere Freiheit.

Viktor E. Frankl